Grammatikerwerb nach Clahsen
Phase I: Vorläufer zur Syntax
In der ersten beschriebenen Phase werden nur Einwortsätze gebildet, dabei können Einwortäußerungen aneinandergereiht werden, dabei können Wortwiederholungen und Einschübe wie z.B. "em" angehängt werden. Einwortsätze haben in dieser Phase bereits Satzcharakter.
An Wörtern und Konstituenten werden Nomen verwendet, sowie deiktische Elemente (wie da) und Verbpräfixe (wie ab..., rein..., weg...)
Außerdem können auch Fragen gebildet werden, die sich durch Betonung der Wörter bemerkbar machen.

Phase II: Erwerb des syntaktischen Prinzips
Die Phase II setzt mit etwa 1;6 Jahren ein. Es werden nun Zweiwortsätze gebildet, gelegentlich auch Dreiwortsätze.
Diese Phase ist noch unabhängig von syntaktischen Regelmäßigkeiten, es wird eine bestimmte, für den Erwerb von allen Sprachen geltende Menge von semantisch-syntaktischen Konstruktionstypen verwendet, die Kinder haben sich noch nicht von der Universalgrammatik losgelöst und auf ihre muttersprachliche Grammatik festgelegt.
Charakteristische Äußerungstypen dieser Phase werden wie folgt aufgelistet:
Nomination (zaun da)
Actor-Action (mama kauf)
Object-Location (auto weg)
Action toward location (brücke fahren, sitzen bein)
Attribution (schaukel putt)
Possession (julia schere)
Request (lego haben) (S.19)
In allen untersuchten Sprachen zeigt sich in dieser Phase, dass nur sogenannte Inhaltswörter verwendet werden, also Nomen, Verben, Adverbien und Adjektive, jedoch abstrakten Wortarten wie Artikel, Präpositionen, Konjunktion etc.

In Bezug auf Wörter und Konstituenten werden Verben in ihrer Stammform verwendet, sowie in Infinitivformen und gelegentlich mit Flexiv -t, es finden sehr häufige Übergeneralisierungen statt. Für die Verbmarkierungen sind semantische Faktoren ausschlaggebend, nicht jedoch grammatikalische.
Es werden Nominalphrasen, Adverbialphrasen und Verbalphrasen gebildet. Als nominale Elemente treten Personalpronomen und Demonstrativpronomen auf, sowie Pluralformen von Adjektiven. Verbale Elemente sind Verben, auch mit Präfixbildung (aufsetz), sowie prädikative Adjektive (du böse).

An Satzstruktur gibt es verschiedene semantisch-syntaktische Konstruktionstypen, wie
Subjekt-Verb-Sätze (ich ziehn, ich reinwerf)
Verblose Sätze mit Subjekt und Komplement (zug hier, diese gleise mama)
Subjektlose Sätze mit verbalem Element und Komplemente (rausholt hier, drehen tür)
Sätze ohne Subjekt und ohne Verb (dies alleine)

Negationen werden gebildet durch das Anhängen von nein am Satzanfang wie auch am Satzende (nein essen sand, platz nein), die Kinder verwenden zur Fragebildung die Intonation.

Phase III : Vorläufer der einzelsprachlichen Grammatik
Die Phase III dient als Vorläufer einzelsprachlicher Grammatik. Sie setzt im Alter von etwa 2-2;6 Jahren ein. Es werden nun Mehrwortäußerungen gemacht.

Es werden nun auch Kopula-Adjektiv-Strukturen gemacht (teddy zu dick is). Es werden Modalverben verwendet (sehen kann), sowie Auxiliare (ich hab ihn aufgesetzt). Die Verbendungen -n, -t, -e, -st werden verwendet, auch immer noch die Stammform ohne Endung. Korrekte Verbmarkierungen treten zu 90% auf, bei der Endung -st finden häufige Übergeneralisierungen statt. Erstmals wird auch der Genitiv verwendet, jedoch ausschließlich als Possessivum.
Es werden nun syntaktische Regeln verwendet, die nur in der Grammatik des in unserem Falle Deutschen gebräuchlich sind. Einfache Verben stehen entweder an zweiter Stelle oder am Satzende, wie dies im Deutschen regelgerecht im Haupt- bzw. Nebensatz vorgenommen wird, jedoch nicht korrekt. Verbale Elemente stehen nur noch an Positionen, die im Deutschen auch üblich sind.
Es werden Subjekt-Verb-Sätze mit Komplementen gebildet (ich schaufel haben) oder auch Sätze, bei denen das Verb noch fehlt (dies auch groß)

Phase IV: Erwerb einzelsprachlicher syntaktischer Besonderheiten
In der Phase IV treten einzelsprachliche Besonderheiten hervor, es geschieht meist im Alter von ungefähr 3 Jahren. Die wichtigsten Verbstellungsregeln werden nun beherrscht.
Die Wortstellung im Satz ist nun meist korrekt, dies auch in komplexen Strukturen wie bei trennbaren Verben (immer fällt die um, das nicht zumachen, hab das macht). In Hauptsätzen ist die Stellung verbaler Elemente stets korrekt. Die Trennung von zusammengesetzten Verben setzt die Fähigkeit voraus, die Verben in einzelne Bestandteile aufzulösen, z.B. um fallen. Bis zur Phase IV werden trennbare Verben immer zusammengesprochen, ebenso Objekt-Verb-Einheiten. Nun kann das Sprachverarbeitungssystem semantische Einheiten aufspalten.
Adverbiale werden nun auch satzintern verwendet und nicht mehr ausschließlich am Satzanfang bzw. -ende.
Es besteht die Subjekt-Verb-Kongruenz, d.h. Verben werden konsequent und in allen Personen richtig dekliniert. Subjekte werden selten noch ausgelassen.
Kodierungseigenschaften abstrakter syntaktischer Kategorien können nun entschlüsselt und umgesetzt werden.

Phase V: komplexe Sätze
Mit ca. 3;6 Jahren ist das Kind imstande komplexe Sätze zu bilden. Erstmals werden Aussagen in mehreren Teilsätzen gegeben, nun auch im Teilbereich Morphologie korrekt. Bei zusammengesetzten Sätzen wird unterschieden zwischen Koordination und Subordination. Die wichtigsten Typen sind hierbei:
Additiv (da bin ich wieder und spiel da )
Adversativ (du darfst das machen, aber nicht dadrauf)
Kausal (weil ich ein stern machen muss)
Temporal (dann stürzen die ins wasser)
In Nebensätzen gibt es praktisch keine Verbstellungsfehler mehr, es werden keine Hauptsätze übergeneralisiert, sie sind von Anfang an korrekt. In den früheren Phasen, in denen noch keine Nebensätze gebraucht werden, steht das finite Verb auch schon am Ende (siehe Phase III), Kinder haben die Regeln schon kennen gelernt, müssen deren Anwendung nur noch auf Nebensätze beschränken.
Erstmals treten nun auch kasusmarkierte nominale Satzglieder auf, dabei wird zunächst der Akkusativ verwendet und auch auf den Dativ übertragen. Der Dativ wird erst später verwendet. Der Erwerb der Kasusmorphologie in Phase V geschieht erst nach Abschluss des Verbendstellungserwerbs.
Die Verbflexion wird nun vollkommen beherrscht.
In der Satzstruktur werden Subjekt, Objekt, Adverbiale und verbale Elemente korrekt gesetzt. Es können W-Fragen (direkte Fragen) gebildet werden, bei denen eine Inversion von Subjekt und finitem Verb korrekt vorgenommen wird. Auch indirekte Fragen können durch die Voranstellung des finiten verbalen Elements gebildet werden.
Negationen werden korrekt gebildet.

Der Grammatikerwerb ist nach der Phase V noch nicht vollkommen beendet. Bestimmte grammatikalische Phänomene können erst relativ spät verwendet werden, die Genitivmarkierung tritt erst im Alter von 6 Jahren vollständig ein, Passivsätze können erst mit etwa 9/10 Jahren gebildet werden, was mit Abstraktionsleitungen und kognitiven Voraussetzungen des Kindes zusammenhängt. Allgemein kann man sagen, dass der Grammatikerwerb im Alter von etwa 4 Jahren so weit abgeschlossen ist, dass das Kind von sich aus grammatikalisch korrekt spricht.